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Mehr Repression wegen Repression

Vorweg eine Anmerkung:
Wegen des nachfolgenden Beitrags wurde Ende März/ Anfang April der Mittenwald-Blog vom Netz genommen. Auslöser war ein Telefonanruf der Polizei (wohl vom LKA) beim Provider, dass dieser Beitrag strafrechtlich relevanten Inhalt hätte. Bei einem Text zu einem Straf-Verfahren muss logischerweise aber auch über den Hintergrund und Inhalt berichtet werden (dürfen).
Verbaler Stein des Anstosses war die – dieser Tag gerade recht aktuelle und häufig gerufene – Parole Zitat: „BRD – Bullenstaat / Wir haben dich zum Kotzen satt.“
Um es ganz deutlich zu sagen: Niemand will hier irgendwelche Paarhufer wie ‚Rinder, Schweine, Kamele, Ziegen und Schafe‘, oder ‚auch andere bekannte Tiere wie Giraffen, Flusspferde, Hirsche oder Antilopen‘ (wikipedia) beleidigen oder verunglimpfen, repressive Staaten zu bilden. Aber wir müssen hier Rücksicht nehmen, um nicht falsch verstanden zu werden, daher die Sternchen (*). Ansonsten ist alles geblieben wie bisher.

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Wir dokumentieren hier noch einen Beitrag einer weiteren Person, die von Repression in Mittenwald betroffen ist. Das Fazit Hier verfolgte Worte – da unbestrafte Kriegsverbrechen teilen wir auf jeden Fall. Aber hier jetzt der Beitrag:

Ein B*****staat präsentiert sich.

Als das USK an jenem sonnigen Pfingstsonntagnachmittag im Jahr 2005 unseren Bus stürmte, um einen “Straftäter” zu finden, ahnte ich nicht, dass auch ich gleich in einer Wanne sitzen und nach Murnau auf die Wache fahren würde. Doch so war es und schon kurze Zeit später waren alle meine Fingerabdrücke säuberlich auf einem Blatt Papier, kartiert, kategorisiert und abgeheftet. Ich will jetzt nicht davon sprechen, wie a****kriecherisch gesprächig die USK-P*****hünen auf einmal waren und was ich mir alles anhören durfte – allein dies würde so mancher längerer Abendunterhaltung gereichen. Es soll um den Anlass jenes polizeilichen Treibens gehen, ein Treiben, das selbst wiederum Anlass der kriminalisierten Handlung war, und so beißt sich die Katze in den Schwanz. Am Abend vorher hatte die Polizei ein friedliches Konzert in Mittenwald gestürmt, wohlgemerkt im angekündigten letzten Lied und nach einer ellenlange Liste vorangegangener Schikanen den ganzen Tag über. Diese Aktionen wurde gebührend mit einem schallenden “BRD, Bullenstaat, wir haben Dich zum Kotzen satt!” quittiert. Und für diese angebliche “Verunglimpfung des Staates” kassierte die Polizei einige Leute und deren Fingerabdrücke. Und wenig später präsentierte uns die Staatsanwaltschaft die Rechnung, 40 Tagessätze à 20 Euro bei mir. Viele haben gezahlt, ich nicht. Ich ging zum Anwalt meines Vertrauens und erntete ein ungläubiges Staunen. Deswegen angeklagt? Lappalie ist übrigens die Bezeichnung, die ich in den letzten eineinhalb Jahren am häufigsten gehört habe, wenn ich davon erzählte, meist noch kombiniert mit ungläubigem Staunen und dem Bekenntnis, das völlig übertrieben zu finden. Sogar erzbürgerliche Leute konnten diesen staatlichen Vorgang nicht verstehen.

Die juristische Einschätzung hieß: Vor dem Verfassungsgericht hast Du Chancen, und zwar gute. Also haben wir etliche Urteile des VerfG recherchiert (ziemlich beeindruckend zum Teil, man muss sich mal die Urteilsbegründung zum “Slime” Urteil durchlesen – köstlich!) und wurden fündig. Und so legte ich Widerspruch ein und machte mich auf den beschwerlichen Weg durch alle Instanzen, mit dem Ziel beim
Verfassungsgericht ein für alle Mal feststellen zu lassen, dass ein sich immer mehr als B*****staat gerierendes Gebilde wie die BRD sich auch so bezeichnen lassen muss. Und wenn wir verlieren, dann wissen wir wenigstens, was Sache ist. Nun bin ich bereits zwei Mal verurteilt – in Garmisch und in München – und wir warten auf die Revision. Und weil wir schon mal dabei sind, uns mit der Bayrischen Polizei und Justiz zu befassen, hier ein paar pikante Seitendetails:

Wusstet ihr,

  • dass zur Absicherung des Gebirgsjägertreffens ein ganzer Berg abgeriegelt wurde, die Zufahrt zu einer “Privatstraße des Bundes” erklärt wurde – ein Widerspruch in sich,
  • dass nach polizeilichem Augenschein aussortiert und zeitweise in Gewahrsam genommen wurde,
  • dass Busse und anreisende PKW ständig kontrolliert und Personalien festgehalten wurden,
  • dass VersammlungsteilnehmerInnen sich in eng mit Flatterband abgesperrte Umzäunungen begeben sollten – bei Nichteinhaltung wurde mit Gewahrsamnahme gedroht,
  • dass “Insgesamt ein vordemokratisch-autoritäres Grundrechtsverständnis deutlich wurde. Versammlungen wurden grundsätzlich als potentielle Gefährdungen aufgefasst, die es präventiv polizeilich zu kontrollieren, zu überwachen und einzuschüchtern gelte. Wer sein Grundrecht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit in Anspruch nimmt, gilt als Störer und Störerin, als potentielle StaftäterIn und hat diesem polizeilich-politischen Verständnis gemäß seine Freiheitsrechte schon verwirkt.” – so das Fazit des Kommitees für Grundrechte und Demokratie.
  • dass die gleiche Staatsanwaltschaft: München nämlich (nur eine andere Kammer) – einen Schwerstverbrecher laufen ließ, in dem sie das Verfahren gegen den Ex-Wehrmachtssoldaten Otmar Mülhauser einstellt, der eindeutig nachweisbar am Massaker an italienischen Kriegsgefangenen in Kephalonia beteiligt war. Dies ist ein Kriegsverbrechen!
    Kein einziger dieser illustren Gebirgsjägergesellschaft, die sich da alljährlich auf dem Hohen Brendten trifft, ist JEMALS von der deutschen Justiz für so Ungeheuerlichkeiten wie Massenerschießung von Kriegsgefangenen, Massaker an ganzen Dörfern inklusive aller Kinder, Vergewaltigung und, ja, auch damals schon: Leichenschändung!, auch nur angeklagt, geschweige denn verurteilt worden. Nur einen haben die Alliierten erwischt und in Nürnberg verurteilt.
  • dass die Nachfolger der Wehrmachtsgebirgsjäger – die Gebirgsjäger der Bundeswehr, unter ihnen Mittenwalder übrigens – für ihre Leichenschändung in Afghanistan straflos davon kommen werden, weil das Verfahren eingestellt wurde.
  • dass das USK, welches das Konzert stürmte und mich tags darauf festnahm, in den Originalgebäuden der SS-Lagerkommandatur in Dachau kaserniert ist, Tür an Tür zur KZ-Gedänkstätte?

Erstens, so wie sich die Polizei verhalten hat und immer wieder verhält, und so unwillens wie dieser Staat ist, dem Einhalt zu bieten (eher im Gegenteil), ist die Bezeichnung als B*****staat gerechtfertigt.

Zweitens: Wie viel eklatanter kann das juristische Missverhältnis noch sein? Hier verfolgte Worte – da unbestrafte Kriegsverbrechen.

Wie ihr Euch vorstellen könnt, kostet das alles Geld. Schließlich mache ich das ja nicht für mich – für mich wäre einfach bezahlen auch leichter gewesen – sondern für uns alle, um der um sich greifenden Kriminalisierung von allem und jedem entgegenzuwirken und Rechtssicherheit über diesen, in Bayern schon häufig kriminalisierten Spruch zu bekommen.

Deswegen bitte ich auch auf diesem Weg um Spenden und Unterstützung.

Und nicht vergessen trotz G8 und so: diese Pfingsten (26.-27.Mai) wieder Mittenwald rocken!
Das Kameradschaftstreffen feiert 50 jähriges – endlich weg damit!
Tradition ist angreifbar, dieses wird ihr letztes Jahr!

Spendenkonto:
Freie Medien e.V.
KontoNr. 470 834 437
BLZ 360 100 43
Postbank Essen
Stichwort: “Bullenstaat”

Aufruf zum Audrucken

Wir haben den Aufruf als Druckversion fertiggestellt. Vier Seiten A4, passt wunderbar vorne und hinten auf ein A3-Blatt.

Mittenwald Aufruf 2007 zum Ausdrucken

Plakat 2007

Es gibt natürlich wieder ein Mobilisierungsplaket zu Mittenwald. Es kann über die Kontaktadresse bestellt werden.

Todesmarschdenkmal auch in Mittenwald!

Vor zwei Jahren wurde bei den Protesten, bei denen auch Maurice Kling, ein Überlebender des Todesmarsch nach Mittenwald, sprach, ein Denkmal erstmalig gefordert. Aus dem Artikel „In Mittenwald kein Erinnern an Leid und Tod“ im Garmisch-Partenkirchener Tagblatt geht hervor, wie die Debatte in Mittenwald geführt wird.

Warum findet sich in Mittenwald keine Gedenkstätte zum Todesmarsch tausender KZ-Häftlinge, der in den letzten Kriegstagen auch durch den Ort führte? Zu dieser Frage sprachen anlässlich des Holocaust-Gedenktages drei namhafte Referenten im Werdenfels-Gymnasium. Tatsache ist: In 22 Gemeinden auf der Strecke des Marsches erinnern Mahnmale an die unmenschlichen Ereignisse kurz vor dem Ende der NS-Tyrannei.
[..]
Einen Ort des Erinnerns in Mittenwald verlangte auch Ernst Grube, der als jüdischer Häftling das Lager
Theresienstadt überlebt hat. Nicht um anzuklagen, sondern um zu zeigen, wozu Menschen fähig sind und
dass es sich nicht wiederholt.

Die Zehntklässler hatten sich ebenfalls gestalterisch mit dem Thema Todesmarsch auseinander gesetzt. In kurzen Vorträgen stellten Schüler Erinnerungsorte an die NS-Zeit vor, präsentierten eigene Entwürfe für eine Gedenkstätte und referierten die Ereignisse der letzten Kriegswoche im Tagesschau-Stil. In einem Theaterstück persiflierten sie die Debatte eines oberbayerischen Gemeinderates zum Thema „Mahnmal in unserem Ort – Ja oder Nein?“. Auffällig: Die Anti-Mahnmal-Fraktion im Gremium trat geschlossen in Lederhosen und Dirndl auf.
Todesmarschdenkmal
Prof. Hubertus Pilgrim, aus dessen Werkstatt die Plastiken für die Todesmarsch-Gedenkstätten kommen, berichtete, dass das vorerst letzte Exemplar vor zwei Jahren in Utting aufgestellt worden war. Kosten: knapp 22 000 Euro. Gegenüber dem Tagblatt erklärte Schreiber, dass Geld kein Argument gegen ein Mahnmal in Mittenwald sein dürfe: „Das können sich die meisten Gemeinden leisten.“ Sein harsches Urteil:“Es scheitert offenbar nicht am Finanziellen, sondern an den harten Herzen.“

Daraufhin war eine Erwiderung von Mittenwalds Bürgermeister Hermann Salminger zu lesen: „Wir Mittenwalder haben mit Sicherheit keine harten Herzen“. Weiter ist zu lesen:

Schon lange habe man sich Gedanken gemacht, wie so etwas zu verwirklichen sei. Obwohl im Haushalt keine Mittel dafür vorgesehen seien, solle es nicht am Finanziellen scheitern, so Salminger. „Vorstellbar ist ein Spendenaufruf im Ort.“ Außrdem kenne er einige potenzielle Geldgeber. Allerdings müsse noch ein geeigneter Standort gefunden werden. Der Rathauschef lehnt aber ein Mahnmal aus der Werkstatt von Professor Hubertus von Pilgrim, dessen bekannte Plastik bereits
in 20 anderen Todesmarsch-Orten steht, ab: „Das muss auf alle Fälle ein Mittenwalder machen.“ Schließlich gebe es im Ort viele talentierte Künstler.

Salmingers Forderung schließt sich auch Zweiter Bürgermeister Georg Gschwendtner (CSU), an: „Wir
lassen uns kein Mahnmal von außen diktieren.“ Schließich sei das Gedenken Angelegenheit der Mittenwalder. Auch Gschwendtners Familie erlebte die Tragödie vom April 1945 hautnah. „Bei meiner
Urgroßmutter und meiner Oma sind zwei der KZ-Häftlinge im Garten aufgetaucht.“ Auch wenn sie selbst kaum Lebensmittel gehabt hätten, gaben sie den beiden Halbverhungerten aus Mitleid etwas zu Essen. Noch Jahre später hätten die Frauen erschüttert vom Anblick der gequälten und entkräfteten Menschen erzählt. „In diesem Moment wurde ihnen die Nazi-Schreckensherrschaft klar vor Augen geführt“, betont Gschwendtner. Er wüscht sich eine Gedenktafel, die an das Leid der Todesmärsche erinnert. „Ein würdevoller Platz für das Mahnmal könnte der Friedhof sein.“ Dort könne man ein Zeichen des Gedenkens für alle Gefallenen und Ermordeten des Zweiten Weltkrieges setzen.

Der protestantische Pfarrer Olaf Kringel befürwortet dagegen ein Mahnmal auf der Strecke der Todesmärsche. „Wir als evangelische Gemeinde sind bei einer entsprechenden Aktion dabei.“ Allerdings hoffe er auchauf das Engagement anderer Gruppierungen im Ort. Kringel meint: „Hinter dem Mahnmal muss schon der Wunsch vieler Menschen im Ort stehen. Von außen kann es nicht aufdiktiert werden.“

SPD-Gemeinderätin Ilse Leidel zeigt sich erfreut, dass wieder Bewegung in die Debatte kommt. In dieser Angelenheit sei sie auch schon beim Bürgermeister vorstellig geworden. Eine Diskussion der politischen Entscheidungsträger sei längst überfällig:“In diesem Gemeinderat ist noch nie über das Thema Mahnmal gesprochen worden.“ Leidel geht davon aus, dass es im Gremium einige Befürworter gibt. Allerdings gebe es im Ort auch Vorbehalte. Die Gemeinderätin meint: „In Mittenwald wird das Thema nach wie vor problematisch gesehen.“ Denn die Brendtengegner hätten das Thema Todesmarsch schon längst für ihre Zwecke instrumentalisiert.

Radiobeitrag.

Link zu einem Radiobeitrag.

Am 13. Januar 2007, mehr als 60 Jahre nach einem brutalen Massaker von SS-Einheiten in Norditalien, hat ein italienisches Militärgericht sein Urteil gefällt. Zehn beteiligte SS-Offiziere wurden in Abwesenheit zu lebenslanger Haft und Entschädigungszahlungen in Höhe von 100 Millionen Euro an die Überlebenden und Angehörigen der Opfer verurteilt. Sieben weitere Angeklagte wurden freigesprochen. Der Urteilsspruch bildet das Ende eines Verfahrens, das spät, ganz bestimmt auch zu spät geführt wurde. Aber immerhin kam es überhaupt zu dieser Verhandlung.