Rede zum Friedhof in Mittenwald

Auf dem Friedhof, vor dem wir stehen, hat die Gemeinde Mittenwald eine Platte anbringen lassen mit der folgenden Aufschrift:

„In Mittenwald endete am 30. April 1945 der Leidensweg der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau. 80 Personen sind an den Folgen dieses Marsches hier verstorben. Ihre letzte Ruhestätte fanden sie auf dem Ehrenfriedhof Leitenberg bei Dachau. Herr, lass sie ruhen in Frieden.“

50 Jahre zuvor hat sich dieselbe Gemeinde der Gräber der ermordeten Häftlinge entledigt. Hier wurden 1945 92 Opfer des Todesmarsches beigesetzt. Es gibt Quellen, die von 107 Toten sprechen. Zu Behaupten es wären 80 gewesen, ist wohl dem Mittenwalder Verharmlosungsreflex geschuldet, oder ist einfach nur eine weitere dreiste Lüge. 1957 mussten die sterblichen Überreste der Häftlinge auf Druck der Gemeindeverwaltung nach Dachau umgebettet werden. Nichts sollte in dieser Idylle an Vernichtungskrieg und Shoah erinnern. Hier will man selber Opfer sein und gedenkt nur sich selbst schon seit 50 Jahren. Dass die Beseitigung dieser Gräber und das erste große Veteranentreffen im selben Jahr stattfanden, dürfte kaum ein Zufall sein.

Ein Mahnmal zur Erinnerung an den Todesmarsch, wie es in 21 anderen oberbayerischen Gemeinden steht, lehnte der Gemeinderat in geheimer Sitzung ab. Lieber eine kleine Tafel mit falschem Inhalt auf dem Friedhof verstecken, um endlich die Kritiker zum Schweigen zu bringen.
Tun sie aber nicht.
Wir fordern immer noch ein Mahnmal, das wenigstens versucht, der Monstrosität des Verbrechens gerecht zu werden.

Vor zwei Jahren war Maurice Clinq in Mittenwald. Ein Mann, der mit 16 Jahren hier von amerikanischen Truppen befreit wurde. Er überlebte KZ-Haft und Todesmarsch. Im besten Fall hielten sich die Mittenwalder die Ohren zu, als er sprach, im schlechten begegneten sie ihm mit Hohn und Spott. Niemand wollte hören, wie ein Überlebender von denen erzählt, die am Ende des Zuges erschossen oder erschlagen wurden. Die Mittenwalder bleiben bei der Mär, kein Häftling sei in diesem Ferienparadies ermordet worden. Hier und in der ganzen BRD gelten unmenschliche KZ-Haftbedingungen und Todesmarsch sowieso nicht als Mord.

Auf dem Friedhof besteht eine Sammelgrabanlage für 42 DPs, die nach dem Krieg in den als Internierungslager genutzten Gebirgsjäger-Kasernen, verstorben sind. Diese wurde Mittenwald nicht los, stattdessen „schmückten“ sie diese Anlage mit einem Eisernen Kreuz. Wer auf den Gräbern der Opfer die Standarte der Täter auf pflanzt, verrät schnell, wessen Geistes Kind er ist.

Die Gräber der meisten Opfer hat Mittenwald beseitigt. Für einen der vielen Täter gab es dagegen eine Beerdigungen mit großem Pomp.
1973 wurde hier der am 5.4.1945 zum Generalfeldmarschall ernannte Ferdinand Schörner beigesetzt.
Ein Mann, der sich im Freicorps Epp an der Zerschlagung der Münchner Räterepublik beteiligt hatte.
Ein Mann mit NS-Militär-Bilderbuchkarriere. Den Grundstein dazu legte er 1936 als Regimentskommandeur in Mittenwald. Die Höhepunkte seiner Karriere waren:
Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Westukraine
Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord
Am 1.1.1945 wird ihm als 23. Soldat der Wehrmacht das „Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten“ zum Ritterkreuz verliehen.
In Hitlers persönlichem Testament vom 29.4.45 wird er zum Oberbefehlshaber des Heeres bestimmt. Da war er allerdings schon mit seiner Truppe von der Roten Armee in Prag eingekesselt. Unter Mitnahme der Kriegskasse setzt er sich am 9.5.45 ab. Sein Versuch, in westalliierte Gefangenschaft zu kommen, scheitert. Er wird als Hauptkriegsverbrecher an die Sowjetunion ausgeliefert. Nach 10 Jahren Haft kehrt er in die neu gegründete BRD zurück. In der Sowjetunion behandelte man ihn gnädiger als er einen Gefreiten, den er in den letzten Kriegstagen erschießen ließ, weil dieser am Lenkrad eingeschlafen war. Dafür saß er in der BRD vier Jahre wegen Totschlag in Haft.
Der Kameradenkreis erwies ihm durch seinen Ehrenpräsident, Hubert Lanz, auch ein verurteilter Kriegsverbrecher, die letzte Ehre.
Der Kameradenkreis der 6. Geb.Div. unterstützte ihn Zeit seines Lebens finanziell und moralisch – eine Selbsthilfegruppe für Kriegsverbrecher.
Dieser Friedhof ist kein Ort, um den Opfern zu gedenken
An diesem Ort wird den Tätern gehuldigt.

Gestern haben wir die Namen der Opfer der Gebirgsjäger aus Griechenland und Italien verlesen. Diese Liste war bei weitem nicht vollständig und wird es auch niemals werden.
Von den 107 KZ-Häftlingen, die in Mittenwald starben, können wir kaum einen nennen. Sie sind unbekannt geblieben bis auf diese drei:
Der Franzose Marcel Joseph Bridet und die Italiener Bartolomeo Bracio und Pieorino Bernini.