Archiv für Februar 2007

Todesmarschdenkmal auch in Mittenwald!

Vor zwei Jahren wurde bei den Protesten, bei denen auch Maurice Kling, ein Überlebender des Todesmarsch nach Mittenwald, sprach, ein Denkmal erstmalig gefordert. Aus dem Artikel „In Mittenwald kein Erinnern an Leid und Tod“ im Garmisch-Partenkirchener Tagblatt geht hervor, wie die Debatte in Mittenwald geführt wird.

Warum findet sich in Mittenwald keine Gedenkstätte zum Todesmarsch tausender KZ-Häftlinge, der in den letzten Kriegstagen auch durch den Ort führte? Zu dieser Frage sprachen anlässlich des Holocaust-Gedenktages drei namhafte Referenten im Werdenfels-Gymnasium. Tatsache ist: In 22 Gemeinden auf der Strecke des Marsches erinnern Mahnmale an die unmenschlichen Ereignisse kurz vor dem Ende der NS-Tyrannei.
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Einen Ort des Erinnerns in Mittenwald verlangte auch Ernst Grube, der als jüdischer Häftling das Lager
Theresienstadt überlebt hat. Nicht um anzuklagen, sondern um zu zeigen, wozu Menschen fähig sind und
dass es sich nicht wiederholt.

Die Zehntklässler hatten sich ebenfalls gestalterisch mit dem Thema Todesmarsch auseinander gesetzt. In kurzen Vorträgen stellten Schüler Erinnerungsorte an die NS-Zeit vor, präsentierten eigene Entwürfe für eine Gedenkstätte und referierten die Ereignisse der letzten Kriegswoche im Tagesschau-Stil. In einem Theaterstück persiflierten sie die Debatte eines oberbayerischen Gemeinderates zum Thema „Mahnmal in unserem Ort – Ja oder Nein?“. Auffällig: Die Anti-Mahnmal-Fraktion im Gremium trat geschlossen in Lederhosen und Dirndl auf.
Todesmarschdenkmal
Prof. Hubertus Pilgrim, aus dessen Werkstatt die Plastiken für die Todesmarsch-Gedenkstätten kommen, berichtete, dass das vorerst letzte Exemplar vor zwei Jahren in Utting aufgestellt worden war. Kosten: knapp 22 000 Euro. Gegenüber dem Tagblatt erklärte Schreiber, dass Geld kein Argument gegen ein Mahnmal in Mittenwald sein dürfe: „Das können sich die meisten Gemeinden leisten.“ Sein harsches Urteil:“Es scheitert offenbar nicht am Finanziellen, sondern an den harten Herzen.“

Daraufhin war eine Erwiderung von Mittenwalds Bürgermeister Hermann Salminger zu lesen: „Wir Mittenwalder haben mit Sicherheit keine harten Herzen“. Weiter ist zu lesen:

Schon lange habe man sich Gedanken gemacht, wie so etwas zu verwirklichen sei. Obwohl im Haushalt keine Mittel dafür vorgesehen seien, solle es nicht am Finanziellen scheitern, so Salminger. „Vorstellbar ist ein Spendenaufruf im Ort.“ Außrdem kenne er einige potenzielle Geldgeber. Allerdings müsse noch ein geeigneter Standort gefunden werden. Der Rathauschef lehnt aber ein Mahnmal aus der Werkstatt von Professor Hubertus von Pilgrim, dessen bekannte Plastik bereits
in 20 anderen Todesmarsch-Orten steht, ab: „Das muss auf alle Fälle ein Mittenwalder machen.“ Schließlich gebe es im Ort viele talentierte Künstler.

Salmingers Forderung schließt sich auch Zweiter Bürgermeister Georg Gschwendtner (CSU), an: „Wir
lassen uns kein Mahnmal von außen diktieren.“ Schließich sei das Gedenken Angelegenheit der Mittenwalder. Auch Gschwendtners Familie erlebte die Tragödie vom April 1945 hautnah. „Bei meiner
Urgroßmutter und meiner Oma sind zwei der KZ-Häftlinge im Garten aufgetaucht.“ Auch wenn sie selbst kaum Lebensmittel gehabt hätten, gaben sie den beiden Halbverhungerten aus Mitleid etwas zu Essen. Noch Jahre später hätten die Frauen erschüttert vom Anblick der gequälten und entkräfteten Menschen erzählt. „In diesem Moment wurde ihnen die Nazi-Schreckensherrschaft klar vor Augen geführt“, betont Gschwendtner. Er wüscht sich eine Gedenktafel, die an das Leid der Todesmärsche erinnert. „Ein würdevoller Platz für das Mahnmal könnte der Friedhof sein.“ Dort könne man ein Zeichen des Gedenkens für alle Gefallenen und Ermordeten des Zweiten Weltkrieges setzen.

Der protestantische Pfarrer Olaf Kringel befürwortet dagegen ein Mahnmal auf der Strecke der Todesmärsche. „Wir als evangelische Gemeinde sind bei einer entsprechenden Aktion dabei.“ Allerdings hoffe er auchauf das Engagement anderer Gruppierungen im Ort. Kringel meint: „Hinter dem Mahnmal muss schon der Wunsch vieler Menschen im Ort stehen. Von außen kann es nicht aufdiktiert werden.“

SPD-Gemeinderätin Ilse Leidel zeigt sich erfreut, dass wieder Bewegung in die Debatte kommt. In dieser Angelenheit sei sie auch schon beim Bürgermeister vorstellig geworden. Eine Diskussion der politischen Entscheidungsträger sei längst überfällig:“In diesem Gemeinderat ist noch nie über das Thema Mahnmal gesprochen worden.“ Leidel geht davon aus, dass es im Gremium einige Befürworter gibt. Allerdings gebe es im Ort auch Vorbehalte. Die Gemeinderätin meint: „In Mittenwald wird das Thema nach wie vor problematisch gesehen.“ Denn die Brendtengegner hätten das Thema Todesmarsch schon längst für ihre Zwecke instrumentalisiert.

Massaker von Marzabotto

Am 14. Januar wurden zehn SS-Männer, die 1944 in Marzabotto bei Bologna Hunderte Zivilisten massakriert haben, von einem italienischen Gericht verurteilt. Dennoch werden sie vermutlich unbestraft bleiben, da es wohl zu keiner Auslieferung kommen wird, trotz europäischem Haftbefehl. Eine Sprecherin des Bundesjustizministeriums verwies am Montag darauf, eine Auslieferung wäre„problematisch“, weil die Urteile in Abwesenheit der Angeklagten ergangen seien, obwohl italienische Militärgerichte das Recht haben, Urteile in Abwesenheit zu sprechen. Näheres in einem Artikel bei partigiani.de und beim tagesspiegel, sowie ein Interview mit Giorgio Bocca (rechts unten auf „weiter“ klicken), ehemaliger Partisanenführer der Gruppe »Giustizia e Libertá« im Piemont und heute Kolumnist des Wochenblatts L’Es­presso.

Repression

Wir möchten hier die Gelegenheit nutzen, noch auf einer besonders absurdes Beispiel von Repression in Mittenwald aufmerksam zu machen. Der angehende Politologe David Goldner wurde bei den Protesten 2006 von Polizisten angehalten und durchsucht. Dabei fanden sie Flyer, auf denen für eine Veranstaltung mit Stephan Grigat zu seinem Buch „Feindaufklärung und Reeducation – Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus“ geworben wurde. Wegen dort abgebildeten Islamisten, die ihren Arm zum Hitlergruß strecken, wurde ihm nun „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ vorgeworfen und er in erster Instanz zu 2.400 Euro Strafe verurteilt. Ein längerer, sehr lesenswerter Artikel findet sich bei Lizas Welt, im Bayerischen Fernsehen lief ein Bericht dazu, bei Radio Lora lief ein Beitrag und auch die taz berichtete darüber.

Und hier findet sich noch ein Blogpost, der weitere Ungeheuerlichkeiten aus Mittenwald berichtet.